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Teil 1: Helfersyndrom – wenn Helfen zur Sucht wird

Hilfst du gerne? Dann befindest du dich in guter Gesellschaft mit denhelp meisten Menschen. Schon Voltaire mahnte: „Human ist der Mensch, für den der Anblick fremden Unglücks unerträglich ist und der sich sozusagen gezwungen sieht, dem Unglücklichen zu helfen.“ Wissenschaftliche Untersuchungen ergeben, dass Hilfsbereitschaft a ngeboren ist. Schon kleine Kinder und sogar Schimpansen haben einen natürlichen Impuls zum Helfen. Wenn wir Gutes tun oder anderen Menschen helfen, wirkt sich dies positiv auf unser emotionales und körperliches Wohlbefinden aus: Wir fühlen uns ruhiger, ausgeglichener, verspüren eine tiefe innere Befriedigung oder sogar ein Stimmungshoch, weil durchs Helfen körpereigene, schmerzstillende Endorphine freigesetzt werden. So hat es die Natur wahrscheinlich eingerichtet, um das Fortbestehen der Menschen zu sichern, denn ohne gegenseitige Hilfe hätten wir in früheren Zeiten kaum überlebt.

Das Bibelwort „Geben ist seliger denn Nehmen“ trifft also offenbar tatsächlich zu. Ist Helfen folglich ein Genuss ohne Reue? Leider nein! Zum guten Helfen gehören immer zwei: einer, der Hilfe braucht und diese auch annehmen möchte, und ein anderer, der Hilfe geben kann und dazu bereit ist. So einfach sich dies anhört, so kann doch selbst gut gemeintes Helfen auf beiden Seiten zu großen Problemen führen.

Was ist ein Helfersyndrom?

Weil Helfen sich so gut anfühlt, kann es sehr verlockend sein. Insbesondere Menschen, die sich erst wertvoll fühlen oder ihren Lebenssinn finden, indem sie anderen helfen, sind besonders gefährdet. Zu oft werden darüber nämlich die eigenen Bedürfnisse vergessen und damit wächst die Gefahr, an Depression oder Burnout zu erkranken. Helfende Berufe wie Krankenschwester, Arzt, Lehrer, Altenpfleger oder Psychologe bergen ein besonderes Risiko. Steht man gerne für andere zur Verfügung, kann man leicht bis weit über die persönliche Belastbarkeit ausgenutzt werden.

Nicht nur im beruflichen Bereich ist man gefährdet. Das Helfersyndrom kann sich auch auf die Partnerwahl auswirken, wenn gerade solche Partner eine besondere Anziehungskraft ausüben, die auf Hilfe angewiesen sind, weil sie alkohol- oder drogenabhängig oder gesundheitlich stark beeinträchtigt sind. Brauchen die eigenen Kinder besondere Zuwendung aufgrund von Krankheiten oder Behinderungen, kann dies ebenfalls zum Helfersyndrom ausarten. Unter Umständen entsteht aus dem Helfenwollen ein Helfenmüssen, das damit zur Sucht wird. Wie bei anderen Süchten auch wollen die Betroffenen vielleicht dagegen ankämpfen, aber der innere Sog ist stärker.

Woran erkennt man ein Helfersyndrom?

Der bekannte deutsche Psychoanalytiker und Schriftsteller Wolfgang Schmidbauer hat den Begriff „Helfersyndrom“ geprägt. Das Helfersyndrom äußert sich in deutlichen Erkennungsmerkmalen:

Die Betroffenen

  • schöpfen ihr Selbstwertgefühl aus der Hilfe für andere
  • fühlen sich für alles verantwortlich
  • stellen ihre eigenen Bedürfnisse zurück
  • können nicht „Nein“ sagen und sich schwer abgrenzen
  • bekommen schnell ein schlechtes Gewissen
  • drängen ihre Hilfe regelrecht auf
  • lehnen Hilfe durch andere ab
  • überschreiten eigene körperliche Grenzen
  • erwarten Dankbarkeit und Anerkennung, selbst wenn sie diese nicht annehmen können
  • neigen zu Weltschmerz und Schwermut

Sind mindestens drei der vorgenannten Merkmale gegeben, kann man von einem Helfersyndrom sprechen.

Wie entsteht ein Helfersyndrom?

Oft wird ein Helfersyndrom schon in der Kindheit angelegt. Betroffene lernen früh, sich von der Anerkennung anderer abhängig zu machen. Nur wenn andere ihnen Dankbarkeit und Achtung entgegenbringen, halten sie sich für wertvoll und liebenswert. Auch schwerwiegende Erziehungsfehler wie „Wenn du nicht lieb bist, wird Mama ganz traurig und du bist schuld, wenn sie krank wird“ oder „Oma hat wieder Herzschmerzen wegen dir“ sind prägend und vermitteln Kindern die Botschaft: „Du musst Verantwortung für das Wohlsein anderer übernehmen.“ Sind einmal solche Muster aufgebaut, halten sie meist ein ganzes Leben lang.

Der Wunsch nach Anerkennung kann auch zu übertriebenem Ehrgeiz und zu unerreichbarem Perfektionismus führen. Sind die Schulnoten nie gut genug und zählen in Schule und sogar bei den Hobbys nur Bestleistungen, kann diese geistige und emotionale Überforderung langfristigen Schaden anrichten. Ebenfalls tragen entsprechende Rollenvorbilder zu der weiteren Entwicklung eines Kindes enorm bei. Kinder übernehmen Denk- und Verhaltensgewohnheiten ihrer Eltern und so kann auch ein Helfersyndrom regelrecht kopiert werden. Karl Valentin sagte einmal sehr treffend: „Erziehung ist zwecklos, die Kinder machen uns sowieso alles nach.“

Was kann man gegen ein Helfersyndrom tun?

Sich von einem Helfersyndrom zu befreien, ist nicht einfach. Als Erstes geht es darum, zu erkennen und sich selbst einzugestehen, dass sich hinter der großen Hilfsbereitschaft ein „eigennütziges“ Motiv verbirgt. Diese Selbsterkenntnis ist nicht leicht und oft gelingt es erst nach entsprechendem Leidensdruck, in den eigenen Seelenspiegel zu schauen. Wenn sich die Anzeichen für Überforderung nicht mehr übersehen lassen, ist es höchste Zeit, die Augen zu öffnen. Diese Anzeichen können sich als Erschöpfungszustände, Gefühlsschwankungen oder depressive Schübe äußern. Manche flüchten sich gar in Zynismus und lassen sich zu bitterem Spott hinreißen, der sonst nicht zu ihnen passt. Wer überfordert und ausgelaugt ist, spürt keine eigenen Ziele und Wünsche mehr und neigt zur Resignation. Ein treffendes Sprichwort lautet: „Vernachlässige nicht dein eigenes Feld, um das eines anderen zu jäten.“

Für den Ausstieg aus dem Helfersyndrom braucht man ein gutes Selbstwertgefühl, um weniger von der Anerkennung anderer anhängig zu sein. Außerdem sollten Grundwerte auf den Prüfstand gestellt werden. Uns eingebläute Werte wie „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ müssen durch andere akzeptable innere Haltungen ersetzt werden. Eine gute Einstellung könnte zum Beispiel sein: „Ich helfe gerne, aber ich kenne meine Grenze genau und halte sie ein“, oder: „Ich mute dem anderen sein eigenes Leid zu, er ist in erster Linie selbst dafür zuständig“. Wenn man den Ausstieg aus dem Helfersyndrom aus eigener Kraft nicht schafft, darf man sich nicht scheuen, Hilfe zu holen. Es muss nicht immer gleich eine Psychotherapie sein. Ein gutes Coaching kann sehr hilfreich sein, um alte und ungute Verhaltensmuster umzuprogrammieren.

Ist denn Helfen etwas Schlechtes?

Natürlich ist Helfen nicht schlecht. Wenn wir Menschen helfen, die Unterstützung benötigen und diese auch gerne annehmen, dann ist dies generell eine gute Tat. Wenn wir helfen, ist es oft nötig, die eigenen Interessen momentan zurückzustellen. Auch das ist völlig in Ordnung. Kritisch wird Helfen nur, wenn die Hilfe überhandnimmt und der Helfende über einen langen Zeitraum seine eigenen seelischen und körperlichen Bedürfnisse völlig unterordnet.

Ebenfalls bedenklich ist, wenn der Helfende dem Hilfsbedürftigen das Heft komplett aus der Hand nimmt, obwohl dieser teilweise selbst handeln könnte. In solchen Fällen wird die Hilfe geradezu aufgezwängt und mündet in Überbehütung. Dann kippt das Verhältnis und aus dem guten Helfen wird ein schlechtes Helfen, das letztlich beiden – Geber und Empfänger der Hilfe – nicht gut tut. Mehr darüber schreibe ich im zweiten Teil, den du bald lesen kannst.

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