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Eigentlich hätte es ein schöner Tag werden toleranzkönnen. Die besten Voraussetzungen dafür waren gegeben: ein arbeitsfreier Sonntag, angenehmes Wetter und eine Veranstaltung, auf die man sich schon lange gefreut hatte. Wenn man doch nur seinen Mund gehalten hätte! Aber man wird ja schließlich seine Meinung sagen dürfen, ohne dafür beleidigende Äußerungen einstecken zu müssen. Lieber sollte jeder von seiner eigenen Haustür kehren. Außerdem hat man schon tausend Mal erklärt, dass …

Kommt dir das Szenario irgendwie bekannt vor? Wie könnte das Leben so schön sein, wenn es die anderen Menschen nicht gäbe. Nein – wenn die anderen Menschen so wären wie ich. Nein, jetzt hab ich’s – wenn die anderen Menschen so wären, wie ich es mir vorstelle. Eine Wunschvorstellung, mit der man sich nur Frust einhandelt. Der andere ist, wie er ist, ob einem das gefällt oder nicht. In dem Maße, wie wir es schaffen, mit dem Anderssein einen guten Umgang zu finden, bewahren wir unsere seelische Gesundheit und Lebensfreude. Konrad Adenauer sagte einmal: „Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind, andere gibt’s nicht.“ Das ist allerdings leichter gesagt als getan. Insbesondere dann, wenn man mit diesen Menschen eng verbunden ist.

Soll der Klügere nachgeben?

Meist führen immer die gleichen Themen für Ärger. Reizthemen, hinter denen sich unterschiedliche Meinungen oder Sichtweisen verbergen. Natürlich hat jeder seinen Standpunkt. Wie käme man sich vor, würde man diesen gleich über Bord werfen, nur weil der andere anders dazu steht? Um des lieben Friedens willen immer nachzugeben, ist aber auch keine Lösung. „Der Klügere gibt so lange nach, bis er selbst der Dumme ist“, wird nicht zu Unrecht gespöttelt.

Meinungsverschiedenheiten rufen oft negative Energien auf den Plan. Wir empfinden Unmut, Ärger oder es läuft einem gar die Galle über, je nachdem welche Wichtigkeit wir der Sache beimessen. Oft schaffen wir es nicht, zu sehen, was eigentlich vor sich geht: das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Ansichten aus verschiedenen Perspektiven. Vielmehr empfinden wir eine solche Situation als Angriff auf die eigene Person. Und wer sich persönlich angegriffen fühlt, reagiert meist auch persönlich. Und weil es immer wieder um die gleichen Themen geht, kann dies regelrecht zu einem Machtkampf um die eigene Position ausarten. Je länger der Kampf dauert, umso weniger zimperlich ist die Wahl der Waffen und der (Schimpf-)Worte.

Oft erkennen die Beteiligten selbst, dass damit die Beziehung zu dem anderen immer mehr beschädigt wird, finden aber keinen Ausstieg aus dem Teufelskreis. Das Teuflische an einem Teufelskreis ist, dass jeder nur auf den anderen reagiert und damit kein eigenes Schuldbewusstsein erkennt. Jedes Einlenken oder Nachgeben könnte zudem als Niederlage oder eigene Schwäche empfunden werden.

Was Toleranz nicht ist

Die Meinungen und Sichtweisen des anderen zu tolerieren, wird uns immer wieder als Haltung nahegelegt. Toleranz wird im Lexikon definiert als „Achtung und Duldung gegenüber anderen Auffassungen, Meinungen oder Einstellungen“. Kurt Tucholsky gibt zu bedenken: „Toleranz ist der Verdacht, dass der andere Recht hat.“ Wer Toleranz üben will, braucht persönliche Stärke und Selbstsicherheit. Weil hier der Schlüssel zu einem guten Miteinander liegen könnte, lohnt es sich, den Begriff „Toleranz“ genauer zu beleuchten.

Allgemein versteht man darunter ein Gelten- oder Gewährenlassen anderer Überzeugungen, Handlungsweisen oder Ansichten, auch im Sinne einer Duldung. Diese Definition beinhaltet, etwas geduldig zu ertragen, was man eigentlich nicht will. Gefühlsmäßig ändert sich in diesem Fall aber nicht viel, außer dass der Widerwille unterdrückt wird. Alles, was unterdrückt wird, entwickelt sich jedoch leicht zu einer Sprengladung, die jederzeit hochgehen kann. Dann bleibt nicht mehr viel vom guten Willen zur Toleranz. Deshalb ist es wichtig, sich klarzumachen, was Toleranz nicht ist.

Tolerieren heißt nicht gutheißen und auch nicht seine Meinung ändern. Ebenso darf man es nicht mit resignieren verwechseln. Und zähneknirschend etwas ertragen ist damit auch nicht gemeint. Gute Miene zum bösen Spiel zu machen hält auf Dauer kaum jemand aus. Toleranz ist vielmehr eine selbstbewusste, eigene Entscheidung, unter den gegebenen Umständen einen Kampf zu beenden, den man nicht gewinnen kann. Wichtig ist es, daraus seine Handlungskonsequenzen zu ziehen, damit man sich nicht als Verlierer fühlt.

Allparteilichkeit

„Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen“, belehrt uns Johann Wolfgang von Goethe. Aber was sollte die neue Gesinnung sein, die Goethe anmahnt? In der Mediation oder Schlichtung von Streit oder Meinungsverschiedenheiten gibt es eine Grundhaltung, die der Mediator einnehmen muss, damit eine Schlichtung überhaupt möglich ist. Diese Grundhaltung ist Allparteilichkeit. Ein Begriff, der ursprünglich von dem jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber geprägt wurde. Bubers Schaffen galt der Versöhnung und dem Ausgleich („Der Mensch wird erst im Du zum Ich“).

Allparteilichkeit geht über Neutralität hinaus. Um Einvernehmlichkeit zu erzeugen, genügt es nicht, nur neutral zu sein. Man muss sich in den anderen hineinversetzen können, auch wenn es nicht der eigenen Meinung entspricht. „Allparteilichkeit ist demnach die Fähigkeit, für alle gleichermaßen Partei ergreifen zu können, die Fähigkeit, die Verdienste jedes Menschen anzuerkennen und sich mit beiden Seiten ambivalenter Beziehungen identifizieren zu können“, erklärt Arist von Schlippe, Lehrtherapeut am Institut für Familientherapie in Weinheim.

Ins Lager des anderen gehen

Kommen wir wieder zurück zu den alltäglichen Konflikten und den Reizthemen, die sich zu Teufelskreisen hochgeschaukelt haben. Wie kann Allparteilichkeit dabei hilfreich sein? Zugegeben, es ist eine große Herausforderung, allparteilich zu sein, wenn man gerade in Rage ist. Aber auch die bekannte Redensart „Du hast Recht und ich habe meine Ruhe“ genügt mir nicht. Vielmehr geht es darum, sich einmal in die Schuhe des anderen zu stellen. Okay, wahrscheinlich muss man abwarten, bis sich die Emotionen wieder etwas beruhigt haben. Aber wer es dann wirklich ernsthaft wagt, in den anderen Schuhen „in das Lager des anderen gehen“, um nachzuschauen, wie sich die Lage aus dessen Sichtweise anfühlt, der hat die Chance, den Ausstieg aus dem Teufelskreis zu finden. Dabei darf jeder seine eigene Meinung behalten. Niemand muss seine Ansichten ändern, aber die Sichtweise des anderen als zusätzliche Möglichkeit in sein Erlebnisrepertoire aufzunehmen, kann eine große Bereicherung sein.

Ich weiß, dass ich dir damit ganz schön viel zumute, aber habe diesen Mut, einmal über deinen Schatten zu springen. Es lohnt sich!

3 comments

  1. Dagmar Bodart

    Gerade jetzt ein weiser Gedanke. Versetzen wir uns auch in die Lage all derjenigen, die so vehement gegen Flüchtlinge sind, auch wenn es schwer fällt.
    Für mich persönlich ganz besonders schwer, da ich keine Vorbehalte habe, kann ich das nur schwer nachvollziehen. Wäre aber sicherlich eine Herausforderung mal von meiner positiven Sichtweise Abstand zu nehmen und die durchaus berechtigten Befürchtungen ernst zu nehmen und schon im Vorfeld darüber nachzudenken wie man die sicherlich kommenden Schwierigkeiten schon vorher bedenken und dadurch vielleicht vermeiden könnte. Den Mitmenschen der anderer Meinung ist ernst zu nehmen und seine Ängste zu verstehen und zu tolerieren, ist auch eine gesellschaftliche Aufgabe. Nur dafür und nur dagegen ist selten gut.

    1. admin Post author

      Als ich den Aufsatz vor einigen Monaten schrieb war die Thematik mit der Flüchtlingssituation noch nicht so präsent. Deshalb bin ich auch nicht explizit darauf eingegangen. Toleranz und Allparteilichkeit bedeuten nicht, seine eigene Position aufzugeben, aber sie helfen enorm die Herausforderung, die durch die Flüchtlinge auf uns alle zugekommen ist, besser zu meistern.

  2. Sibylle Reisch

    Danke Elmar, wieder einmal ein Thema das gerade passt 🙂
    Toleranz ausüben: zuerst einmal für die eigene Person. Toleranz kann auch sein, happy zu sein, dass es andere Meinungen und Verhaltensweisen gibt, die ich nicht gutheisse und auch nicht gutheissen brauche und klar von meiner trenne, dennoch zugestehen kann und dem Anderen lassen kann und damit im Frieden bin. Es ist sogar eine Chances mich darin besser kennenzulernen und dem Anderen (innerlich) für diese Chance zu danken.

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