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Teil 2: Gute Hilfe – schlechte Hilfe

Moralapostel beklagen oft soziale Kälte, die sich in der heutigen Zeitno_help vermehrt ausbreiten würde. Dabei gibt es hinreichend Beispiele dafür, dass die meisten Menschen bereit sind, anderen zu helfen. Wenn wir sehen, wie eine andere Person Not leidet oder sich mit ihrem Verhalten offensichtlich selbst schadet, fühlen wir uns schnell berufen, wohlmeinend einzugreifen. Gerne sind wir dann mit Tipps und guten Ratschlägen zur Stelle. Stehen wir der Person nahe, helfen wir vielleicht sogar sofort. Doch statt Dankbarkeit für unsere Hilfe ernten wir oft Ablehnung und Widerstand. Bevor du dich über die Undankbarkeit und die Uneinsichtigkeit deines Gegen­übers beklagst, überlege einmal, wie du solches Eingreifen empfinden würdest, wärst du selbst in einer schwierigen Lage.

Das Sprichwort „Ratschläge sind auch Schläge“ bringt das Problem auf den Punkt. Wenn du dem Hilfsbedürftigen eine Information gibst, über die er bisher nicht verfügte, dann kann der Tipp durchaus hilfreich sein. Meist aber stellt man sich mit guten Ratschlägen über den Betroffenen und übt so moralischen Druck aus. Aussagen wie „Ich an deiner Stelle …“ vermitteln das Gefühl, ein anderer könnte die eigenen Probleme besser lösen als man selbst. Außerdem: Kannst du sicher sein, dass das, was du glaubst, für den Betroffenen wirklich das Beste ist? Sicherlich kennst du den Witz, in dem Pfadfinder einer alten Frau über die Straße helfen, die gar nicht rübergehen wollte. Nicht jede Hilfe – wenn auch gut gemeint – ist eine sinnvolle Hilfe!

Was wirklich hilft

Wirklich helfen kannst du, wenn du mit einer Person ein Gespräch über ihre Sorgen und Probleme führst, statt ungebetene Ratschläge zu verteilen. Dazu möchte ich dir ein paar Anregungen mit auf den Weg geben.

Zuhören

Die meisten Menschen sprechen gerne über ihre Probleme, denn dadurch gewinnt man Klarheit. Auch wenn es dir nicht leichtfällt: Hör nur zu und mische dich nicht gleich mit vermeintlichen Lösungen ein. Selbst wenn du Recht hättest, könnte der andere sie (noch) nicht annehmen. Sag stattdessen: „Oje, das ist sicher nicht leicht für dich“, oder: „Ich glaube dir, dass du darunter leidest.“ Dadurch fühlt sich der andere angenommen. Jeder gute Gesprächstherapeut führt auf diese Weise seine Gespräche. Dieses „aktive Zuhören“ bedeutet, den anderen nicht nur reden zu lassen, sondern interessiert zuzuhören und das Gefühl zu vermitteln, dass man ernsthaft bemüht ist, ihn zu verstehen. Verständnisfragen sind in Ordnung, aber ohne sich gleich einzumischen. Damit gibt man dem anderen den Raum, den er braucht, um seine eigenen Lösungen zu finden. Auf diese Weise kann das Zuhören allein schon eine große Hilfe sein.

Anbieten statt aufdrängen

Du als Nichtbetroffener kannst einen anderen Blickwinkel einnehmen, zumal du emotional nicht belastet bist. Liegt dir die Lösung regelrecht auf der Zunge, dann frag einfach: „Darf ich dir mal sagen, was mir eben als Lösung durch den Kopf geht?“ Lehnt der andere ab oder hast du das Gefühl, dass er dafür kein offenes Ohr hat, dann akzeptiere es und behalte deine Lösung für dich. Auch wenn der andere „Ja“ sagt oder direkt fragt: „Was würdest du an meiner Stelle tun?“, heißt das noch lange nicht, dass er offen genug ist, deine Idee auch anzunehmen. Versuche dann nicht, sie ihm trotzdem aufzudrängen, sondern akzeptiere diese Entscheidung. Manchmal hilft zusätzlich eine Prise Humor, wenn er zur Beziehung passt und der Situation angemessen ist. Augenzwinkernd zu fragen: „Und jetzt: Pistole, Schokolade oder Schnaps?“, kann einer Situation die Dramatik nehmen.

Ganz konkret fragen

„Eine Hand, die zupackt, hilft mehr als eine Zunge, die redet“, lautet ein treffendes Sprichwort. Frag den anderen ganz konkret: „Was kann ich für dich tun?“ Weiß er das auch nicht oder traut er sich nicht, sein Anliegen auszusprechen, dann formuliere die Hilfsangebote, die du bereit bist zu leisten. Dabei ist es ganz wichtig, zum Ausdruck zu bringen, dass die angebotene Hilfe aus deiner Sicht der Dinge stammt und der andere sich gerne etwas anderes wünschen darf. Wird deine Hilfe nicht angenommen, nimm es nicht persönlich. Nur deine Hilfe wurde abgelehnt, nicht du als Person. Es gibt Situationen, in denen man alleine klarkommen möchte, sein eigenes Ding machen, seine eigene Lösung finden. Dann empfindet man jede Hilfe als belastend und übergriffig. Manchmal besteht die größte Hilfe darin, nicht helfen zu wollen. Hat es der Betroffene geschafft, seine Krise selbst zu meistern, geht er gestärkt mit gewachsenem Selbstbewusstsein daraus hervor.

Bin ich wirklich zuständig?

Wenn es dich selbst sehr belastet, dem Betroffenen nicht helfen zu können, du stundenlang grübelst, was er tun könnte, und dabei selbst keinen richtigen Schlaf mehr findest, dann solltest du dir unbedingt klarmachen, ob es überhaupt in deiner Zuständigkeit liegt und ob es dem anderen wirklich hilft, wenn du mitleidest. Ist der andere erwachsen – bei Kindern kommen noch andere Aspekte dazu –, dann mach dir bewusst, dass er die Verantwortung für sein Leben selbst übernehmen muss. Das ist insbesondere bei Familienangehörigen nicht immer leicht. Jeder Mensch kennt sich aber selbst am besten und weiß somit auch am besten, was er wirklich braucht, um seine Probleme zu lösen. Der eine schafft dies in kürzerer Zeit, der andere braucht länger dazu. Mehr als jedes Helfenwollen hilft es, den Betroffenen spüren zu lassen, dass du ihm die Lösung seiner Probleme selbst zutraust. Ermutige ihn, nicht aufzugeben, sondern sich weiter zu bemühen, seine Angelegenheiten zu meistern.

Wenn du so vorgehst, kannst du anderen Menschen, die dir ihre Sorgen und Probleme anvertrauen und die deine Hilfe auch wirklich wollen und zu schätzen wissen, auf gute Weise behilflich sein, ohne selbst zu leiden. Mit diesen Impulsen überwindest du auch deine eigene gedankliche Hilflosigkeit und bleibst so in deiner eigenen Kraft. Das erspart dem anderen das schlechte Gewissen, dich mit hineingezogen zu haben oder dich mit seinen Problemen zu belasten.

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